Generation Z im Handwerk: Der Denkfehler hinter der „fehlenden Teamfähigkeit“

Die Studie zeigt, dass Vertreter:innen der Generation Z deutlich geringere Loyalität gegenüber Arbeitgebern sowie eine stärkere Ziel- und Selbstorientierung aufweisen (Kekić, 2023). Diese Beobachtung wird im Handwerk häufig als mangelnde Teamfähigkeit oder fehlende Arbeitsmoral interpretiert. Tatsächlich beruht diese Deutung auf der falschen Annahme, dass Teamorientierung eine persönliche Eigenschaft sei und nicht das Ergebnis eines bestimmten Arbeitsbildes.

Die verbreitete Annahme: Generation Z ist kein Team

Im Handwerk hält sich eine Deutung hartnäckig: Junge Beschäftigte seien weniger teamfähig, weniger loyal, stärker auf sich selbst fokussiert. Die Generation Z gilt als fordernd, unverbindlich, wenig bereit, sich unterzuordnen. Diese Wahrnehmung ist weit verbreitet und wirkt auf den ersten Blick plausibel.

Die Studie zeigt tatsächlich, dass Loyalität gegenüber Arbeitgebern nicht mehr vorausgesetzt werden kann und dass Vertreter:innen der Generation Z ihre Arbeit stärker an persönlichen Zielen ausrichten (Kekić, 2023). Auch die Zuschreibung „keine Teamplayer“ findet sich explizit in der wissenschaftlichen Beschreibung dieser Generation.

Die Beobachtung stimmt. Die Schlussfolgerung nicht.

Warum diese Annahme logisch erscheint

Betriebe lesen Verhalten mit den Begriffen, die ihnen zur Verfügung stehen. Teamfähigkeit wird dabei als persönliche Eigenschaft verstanden. Wer bleibt, hilft aus, ordnet sich unter, gilt als Teamplayer. Wer abgrenzt, wechselt, priorisiert, gilt als schwierig.

Da die Generation Z weniger Bindung zeigt und stärker auf eigene Ziele fokussiert ist, liegt der Rückschluss nahe, dass sie dem Teamgedanken weniger verpflichtet ist. Die Plausibilität entsteht aus der Übereinstimmung zwischen beobachtetem Verhalten und tradiertem Arbeitsbild.

Genau hier beginnt der Denkfehler.

Beobachtung ist nicht Interpretation

Die Studie beschreibt Eigenschaften, Werte und Arbeitsmoral der Generation Z differenziert. Sie spricht von Sicherheitsbedürfnis, Erfüllungsorientierung, Zweckmäßigkeit und Unverbindlichkeit (Kekić, 2023). Daraus wird im betrieblichen Diskurs häufig eine Charakterdiagnose abgeleitet.

Doch zwischen Verhalten und Ursache liegt eine Deutungsebene. Diese Ebene bleibt meist unmarkiert.

Zentrales Denkmodell: Arbeitsbild vs. Arbeitsrealität

Der Artikel arbeitet mit dem Denkmodell Arbeitsbild vs. Arbeitsrealität.

Arbeitsbild meint die implizite Vorstellung davon, wie Arbeit „funktioniert“. Arbeitsrealität beschreibt das tatsächliche Erleben von Arbeit unter gegebenen Bedingungen.

Im Handwerk ist das Arbeitsbild stark kollektiv geprägt. Team bedeutet Einbindung, Verlässlichkeit, Durchhalten. Dieses Bild stammt aus Generationen, deren Arbeitsethos auf Loyalität und Unterordnung unter Unternehmensziele beruhte.

Die Arbeitsrealität der Generation Z ist eine andere. Sie ist geprägt von Unsicherheit, Wahlmöglichkeiten, Vergleichbarkeit und permanenter Verfügbarkeit von Alternativen (Kekić, 2023). Verhalten, das aus dieser Realität entsteht, wird jedoch mit einem Arbeitsbild aus einer anderen Zeit interpretiert.

Begriffliche Präzisierung: Teamfähigkeit ist kein Wert

Team meint hier nicht Gemeinschaft oder Kollegialität. Team meint funktionale Einordnung in ein bestehendes System.

Wenn Generation Z als nicht teamfähig beschrieben wird, wird implizit vorausgesetzt, dass Teamfähigkeit eine innere Haltung sei. Die Studie zeigt jedoch keine Ablehnung von Zusammenarbeit. Sie zeigt eine Verschiebung der Bezugsebene.

Teamfähigkeit meint hier nicht Motivation, sondern Passung zum Arbeitsbild.

Explizite Diskurskorrektur

Die verbreitete Erklärung, Generation Z sei egoistisch oder verwöhnt, trägt analytisch nicht. Sie ersetzt Ursache durch Zuschreibung. Die Studie zeigt keine Ablehnung von Arbeit, sondern eine veränderte Gewichtung zwischen individueller Orientierung und organisationaler Loyalität (Kekić, 2023).

Egozentrik ist keine Ursache, sondern eine Deutung.

Analytische Irritation

Auch engagierte, gut geführte Betriebe unterliegen diesem Denkfehler. Gerade dort, wo man sich als moderner Arbeitgeber versteht, wird Abweichung besonders irritierend erlebt. Die Selbstwahrnehmung als „guter Betrieb“ kollidiert mit dem Verhalten der jungen Beschäftigten.

Das Problem liegt nicht im Mangel an Bemühung. Es liegt im unausgesprochenen Arbeitsbild.

Bewusste analytische Zurückhaltung

Bis hierhin erklärt die Analyse, warum die Deutung nicht trägt. Sie erklärt noch nicht, warum sie so stabil bleibt und warum sie sich selbst dann hält, wenn Betriebe sich anpassen.

Genau das bleibt offen.

Die bisherige Erklärung zeigt den Denkfehler, nicht seine Entstehung. Sie beschreibt die Fehlinterpretation, aber noch nicht den Mechanismus, der sie reproduziert. Die eigentliche Ursache liegt tiefer und betrifft nicht Generation Z, sondern das Führungsverständnis selbst.

Der folgende Abschnitt ordnet die zugrunde liegende Ursache ein und zeigt,
warum vereinfachte Erklärungen und populäre Lösungsansätze hier scheitern.

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Quelle: Ing. Kekić, B., MSc (2023). Empirische Masterarbeit zu Recruiting-Strategien für handwerkliche Lehrberufe bei jungen Zielgruppen.

Ing. Berislav Kekic, MSc

Ing. Berislav Kekic, MSc

Ingenieur & Querdenker. Ich wollte wissen, warum Handwerksbetriebe keine Lehrlinge finden – also habe ich es gemessen. (N = 451), Note 1,444 IBerry.eu